© Simon Thomas

Die Siedlung Georgsgarten

In der Siedlung Georgsgarten zeigt sich otto haeslers maximale Flächenausnutzung für bezahlbaren Wohnraum mit hohem Komfort. Typisierte Grundrisse und der Fokus auf der Funktion brachte der Siedlung den Beinamen „Mustersiedlung“ ein.

Die „Mustersiedlung“

Balkone in der Siedlung St. Georg Garten in Celle

Der Zweite Versuch

Mit der Siedlung „Georgsgarten“ oder auch St. Georg Garten, verwirklichte der Architekt otto haesler in den Jahren 1925/26 sein zweites Siedlungsprojekt im Stil des Neuen Bauens in Celle. Die von haesler 1924/1925 zuvor in Celle errichte Siedlung „Italienischer Garten“ war die erste geschlossene Wohnsiedlung des Neuen Bauens in Deutschland.

Günstigere Mieten als zuvor

Auf dem ehemaligen Gartengelände des Hospitals St. Georg, das als Namensgeber für die Siedlung fungierte, baute haesler also direkt nach dem „Italienischen Garten“ seine zweite Siedlung. Motivation gab es genug, denn der Architekt wollte es dieses Mal auf jeden Fall schaffen, dass auch Menschen aus den einfacheren Schichten die Mieten aufbringen konnten. Denn haesler war höchst unzufrieden darüber, dass die Mieten im „Italienischen Garten“ zu hoch waren. Dies lag an der zu großen Wohnfläche und den folglich zu hohen Herstellungskosten, welche sich auf die Mieten niederschlugen.

Auf eigene Badezimmer wurde verzichtet, es gab ein gemeinsames Waschhaus. Komfort gab es trotz der enormen Fokussierung auf die Flächennutzung dennoch: Ein Café, eine Bücherei, Pachtgärten zur Selbstversorgung, Geschäfte und einen Kindergarten, den es heute noch gibt.

Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Stadtarchiv Celle
Die Siedlung St. Georg Garten in Celle von oben
© Simon Thomas
Der soziale Wohnungsbau wurde zu einer Art Zwangsvorstellung für mich.
otto haesler über sich selbst
Die Siedlung St. Georg Garten in Celle von oben
© Simon Thomas

Vorreiter moderner Städteplanung

Der Siedlungskomplex St. Georg Garten besteht aus senkrecht zur Straße angeordneten, langen Wohnzeilen, deren 30m breite, begrünte Innenhöfe durch eine eingeschossige Straßenzeile begrenzt wurden. In den Gebäuden an der Straße befanden sich Einrichtungen und Geschäfte für die Gemeinschaft. Diese heute für einen Stadtplaner fast selbstverständliche Lösung war das erste Beispiel dieser Art. Damit wurde ein großer Teil der Schwierigkeiten vermieden, die der bis dahin übliche Bau längs der Straßen mit sich brachte.

Licht, Luft und Sonne

Die Zielsetzung des Neuen Bauens, Licht, Luft und Sonne in die Gebäude zu bringen, wurde konsequent umgesetzt. Durch die Nord-Süd Ausrichtung der Blocks konnten die Räume nach ihrer tageszeitlichen Nutzung positioniert werden: Schlafräume nach Osten, Wohnräume nach Westen. Ein neuer Fenstertyp gab den Wohnzeilen ein besonderes Gesicht. Über einem feststehenden Fensterstück ließ sich nur ein Fensterflügel öffnen. So konnten die auf der Fensterbank platzierten Gegenstände und Blumen beim Lüften stehen bleiben. Die Wohnungsfenster waren gelb gestrichen, der zu öffnende Flügel rot oder auch andersfarbig abgesetzt. Durch den späteren Einbau der Kunststofffenster ist einiges der ursprünglichen Wirkung der Siedlung verloren gegangen.   

Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Stadtarchiv Celle
Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Stadtarchiv Celle

Keine Badezimmer

Außenfassade der Wohnhäuser in der Siedlung St. Georg Garten in Celle

Um die Fläche für den Flur zu minimieren, erfolgt der Zugang zu den Schlafkammern über den zentralen Wohnraum. Die bisher übliche Wohnküche wurde zum Teil durch eine kleinere Kochküche ersetzt. Aus Kostengründen erhielten die Wohnungen keine Badezimmer. Dafür stand allen Mietern ein zentrales Badehaus zur Verfügung.

Treppenhaus in der Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Marcus Jacobs

„Wie viele Betten hat denn die Wohnung?“

Die Grundrisse der 168 Wohnungen mit Gesamtwohnflächen zwischen 50 und 71m² legte otto haesler erstmals als Bettentypen an. Es wurde nicht die Anzahl der Zimmer sondern der Betten angegeben. Die größten Wohnungen waren für 6 Betten geplant: Neben dem Elternschlafzimmer und der Wohnstube gab es zwei kleine Kammern, in die bis auf zwei Betten nicht mehr viel hineinpasste.

Zentralheizung und Waschen mit modernster Technik

Die damals üblichen Einzelwaschküchen fielen zugunsten eines zentralen Waschhauses weg. So konnten die Baukosten reduziert und zudem die Arbeit des Waschens mit Hilfe modernster Technik erleichtert werden: Waschmaschinen, Trockner und Heißmangel. Die Wäschetrockner nahm haesler auch als Begründung dafür, kein zusätzliches Obergeschoss für Trockenböden zu errichten. Ob die künstliche Wäschetrocknung Mitte der 20er Jahre gut funktionierte, ist nicht überliefert. Durch die zentrale Heizung sparte man die Schornsteine sowie in den Wohnungen den Platz zum Aufstellen der Öfen ein und schaffte viel Bequemlichkeit für die Mieter.

Wohnungseingang in der Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Stadtarchiv Celle

Drohnenflug über die Siedlung "Georgsgarten"

Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Stadtarchiv Celle

Selbstversorger mit frischem Obst und Gemüse

Für die Anlage der Mietergärten am südlichen Rand der Siedlung hat otto haesler mit  dem bekannten Gartenarchitekten Leberecht Migge zusammengearbeitet. Es sind 59 Gärten entstanden, die vor allen Dingen der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse dienten. Um die Pflanzen zu schützen wurden Windschutzmauern errichtet. An einer Stelle sind heute noch Reste der ursprünglichen Mauern vorhanden. Eine Beregnungsanlage versorgte immer zwei Gärten mit Wasser, was äußerst fortschrittlich für die 20er Jahre war.

Richtungsweisendes Design

Unterbrochen wird die Kopfzeile an der Straße durch die senkrecht abgehenden Wohnwege, die zu den einzelnen Eingängen führen. Die Blocks und die Eingänge sind durchgezählt. II/3 bedeutet, dass die gesuchte Wohnung sich im zweiten Block im dritten Eingang befindet. Design vom Feinsten, dazu gehörte auch die Haus- und Blockbeleuchtung der Siedlung. Dieses Detail von haeslers Schaffen wurde 1928 vom Deutschen Werkbund veröffentlicht, als richtungsweisendes Beispiel einer gelungenen Orientierungsbeleuchtung mittels Transparenten. Die Leuchtkästen mit der Nummer der jeweiligen Zeile sind verloren gegangen; sie ließen sich aber ohne besondere Schwierigkeiten wieder rekonstruieren.

Block 1 in der Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Stadtarchiv Celle

Noch immer beliebt: Planschbecken von 1926

Kinder Planschbecken in der Siedlung St. Georg Garten in Celle
© Marcus Jacobs

An das Ende von Block I schließt sich der Anbau für den damaligen Volkshilfekindergarten an. Er verfügte, für die damalige Zeit nicht selbstverständlich, über ein schön angelegtes Außengelände mit Spielgeräten, einer großen Sandkiste und einem festen Planschbecken. Sowohl Sandkiste und Planschbecken sind noch vorhanden und werden rege genutzt. Heute betreibt die Stadt Celle hier die Kita St.-Georg-Garten.    

Informationen zum Gebäude

Wo befindet sich die Siedlung Georgsgarten

Die Siedlung "Georgsgarten" ist unter gleichnamigen Straßennamen zu finden: St. Georg Garten 1 in 29221 Celle

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Können Gebäude von innen besichtigt werden

Die Gebäude der Siedlung "St. Georg Garten" können ausschließlich von außen betrachtet werden.
Wir empfehlen den Besuch der Siedlung im Rahmen einer Führung.

Wie kann eine Bauhaus-Führung gebucht werden

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Alle Infos zu den Touren und vielfältigen Möglichkeiten, das Neue Bauen in Celle zu erleben, bietet der Infoflyer „otto haesler Touren“, den Sie hier in deutscheroder englischer Ausgabe herunterladen können.