Die Siedlung Italienischer Garten

Die Siedlung Italienischer Garten gilt als eine der ersten der Klassischen Moderne. Sie war der Durchbruch haeslers zum Neuen Bauen und prägt das Celler Stadtbild bis heute. Die kubischen Formen der Gebäude, markante Flachdächer und die leuchtend roten und blauen Hauswände sind auf den ersten Blick Bauhaus pur.

Quadratisch und funktional

Die Siedlung Italienischer Garten in Celle, Aufnahme aus dem Stadtarchiv
© Stadtarchiv Celle

haeslers erste Siedlung

Nein, diese Bauwerke stehen nicht direkt in einem Garten in „bella Italia“ aber der Straßenname der Siedlung geht tatsächlich auf eine Gartenanlage im italienischen Stil zurück. Diese befand sich dort, bevor der Architekt otto haesler auf dem Areal in den Jahren 1924/25 diese erste Siedlung im Stil des Neuen Bauens errichtete.

Wohnen im Kasten

Acht zweigeschossige Vierfamilienhäuser mit großzügig geschnittenen Wohnungen und einer Gesamtwohnfläche von 84 Quadratmetern und 129 Quadratmetern entstanden so. Noch heute typisch sind die roten und blauen Anstriche sowie die Kubus-Formen, welche die Celler Siedlung weit über Deutschland hinaus bekannt gemacht hat.

Die Häuser sehen so aus, als seien die seitlichen Würfel in den höheren, rechteckigen Mittelkubus hineingeschoben. Die einzelnen Häuser bestehen aus einem in Grau gefassten Mittelteil mit dem zentral positionierten Eingangsbereich mit roten Fensterrahmen und den farbigen Seitenteilen.

Die Siedlung Italienischer Garten in Celle von oben
© Simon Thomas
Die Siedlung Italienischer Garten Celle, Aufnahme aus dem Stadtarchiv
© Stadtarchiv Celle

Kontrastreicher Anstrich

Nahaufnahme eines Fensters in der Siedlung Italienischer Garten in Celle

Mit der Farbgestaltung hatte otto haesler den Dekorationsmaler Karl Völker aus Halle beauftragt, dem es gelungen ist, die Architektur haeslers durch die Farbigkeit zu unterstreichen. Der kontrastreiche Anstrich und die Platzierung der Fenster in den äußeren Ecken unterstreichen die Plastizität der Gebäude, auch wenn es bei der zum Mittelblock grenzenden Fläche nur für einen schmalen Sehschlitz reichte. Allerdings hat man von diesem schmalen Fenster aus einen guten Blick auf den Hauseingang und kann so problemlos überprüfen, wer gerade geläutet hat. Die Farbigkeit der Siedlung fand in Fachkreisen damals übrigens allerhöchste Anerkennung.

Die Siedlung Italienischer Garten in Celle, Aufnahme aus dem Stadtarchiv
© Stadtarchiv Celle
Kellerfenster in der Siedlung Italienischer Garten in Celle

Spagat zwischen Funktion und Architektur

Die mittleren Kuben verfügen über ein niedriges drittes Geschoss, das als Trockenboden genutzt wird. In seinem Buch „Mein Lebenswerk als Architekt“ beschreibt otto haesler zu diesem Punkt den Spagat zwischen Funktion und einer gelungenen Architektur: „Die Größe der Wohnungen ergab im Kellergeschoss reichliche Keller- und Abstellräume, so dass ein Trockenboden, so groß wie die ganze bebaute Fläche, nicht absolut nötig war. Die beiden Seitenflügel konnten ohne Nachteil direkt über den Wohnungen mit einem flachen Dach abgedeckt werden. Dadurch ergab sich eine lebendige Gliederung der Baumasse.“  

Drohnenflug über die Siedlung "Italienischer Garten"

Es werde Licht!

Frontansicht vom Wohnhaus in der Siedlung Italienischer Garten in Celle
© Stadtarchiv Celle
Eingangstür in der Siedling Italienischer Garten in Celle

Die Treppenhäuser und die Wohnungseingangstüren befinden sich noch heute nahezu im Originalzustand. Mit den vertikalen Fensterbändern in den beiden Türflügeln und den waagerecht angelegten Oberlichtern versorgte otto haesler die Wohnungsflure mit Tageslicht und hinterließ gleichzeitig seinen typischen architektonischen Fingerabdruck, der sich in seinen Gebäuden immer wiederfindet.

Balkon in der Siedlung Italienischer Garten in Celle

Schwalbennester an jeder Wohnung

Bei einem Besuch im Italienischen Garten sollten Sie auf jeden Fall auch einen Blick auf die Rückseite der Wohnhäuser werfen. Zu jeder Wohnung gehört das Schwalbennest: ein kleiner halbrunder Balkon, der vom Elternschlafzimmer aus betreten wird und einen herrlichen Blick in die Mietergärten bietet. Allerdings passt kein noch so kleiner Liegestuhl auf diesen Balkon. haesler ist es gelungen, mit den Schwalbennestern noch eine weitere geometrische Form in die Fassade einzubringen, was optisch sehr reizvoll ist.

Der Architekt ist nicht zufrieden

Architekt otto haesler
© Stadtarchiv Celle

otto haesler bedauerte es sehr, dass die Mieter zur wohlhabenden Mittelschicht gehörten: „Ich war von dem Ergebnis dieser Siedlung selbst nicht befriedigt. Die Wohnfläche war im Verhältnis zur Nutzbarkeit zu groß, dadurch wurden die Herstellungskosten zu hoch und die Mieten zu teuer.“ Dennoch war er auf die erste farbige Siedlung des Neuen Bauens stolz: „Und doch wirken die Häuser dieser Siedlung und diese selbst anders als bisher gewohnt.“

Das Neue polarisiert in den Medien

In Celle sorgte die Siedlung in den 20er Jahren für viel Unmut. In einem Artikel über den „kubischen Baustil“ in der Celleschen Zeitung vom 17.12.1926 ist zu lesen: „Das flache Dach reizt in unserem Klima wohl am meisten zum Widerspruch, weil für uns der Begriff Haus ein rechteckiger Baukörper mit Satteldach ist.“ Der Autor unterbreitete sogleich einen entsprechenden Kompromissvorschlag: „Vielleicht entwickelt sich der neue Baustil auch so, dass er für nordische Gegenden das übliche Dach anerkennt.“

Es gab aber auch andere Stimmen. So berichtet die Fachpresse nach einem Besuch in Celle am 8. August 1926 u.a.: "Über die Stechbahn führte der Weg durch den 'Französischen Garten' nach der Siedlung 'Italienischer Garten', dem Werk des Architekten haesler. Seine Häuserreihe veranschaulicht im strengen Farbenrhythmus Blau-Grau-Rot die Bedeutung für die Architektur in eindringlicher Weise. Darin liegt gerade die Eigentümlichkeit des farbigen Celle begründet, dass hier neben Fachwerk- und Putzhäusern aus vielen Jahrhunderten auch neuzeitliche Architekturformen erfolgreich koloristisch behandelt wurden."

Auszug aus der Celleschen Zeitung vom 17.12.1926
© Stadtarchiv Celle
Die Siedlung Italienischer Garten in Celle
© Oliver Knoblich

Heute noch beliebte Wohnungen

Im Rahmen der energetischen Sanierung im Jahr 2006 erhielten die Gebäude ihre ursprüngliche Farbigkeit zurück. Ebenso wurden die zwischenzeitlich eingebauten Kunststofffenster durch Holzfenster ersetzt, die in ihrer Gestaltung den originalen Kastenfenstern entsprechen. Die Wohnungen sind auf Grund ihrer Größe, der Aufteilung, der Mietergärten und der absolut ruhigen und attraktiven Lage am Rande der Innenstadt sowie dem Französischen Garten heute immer noch sehr beliebt.

Informationen zum Gebäude

Wo befindet sich der Italienische Garten

Die Siedlung "Italienischer Garten" ist unter gleichnamigen Straßennamen zu finden: Italienischer Garten 1 in 29221 Celle

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Können Gebäude von innen besichtigt werden

Die Gebäude der Siedlung "Italienischer Garten" können ausschließlich von außen betrachtet werden.
Mit dem Fassadenanstrich im strengen Farbenrhythmus "Blau-Grau-Rot" hatte haesler hier die Bedeutung der Farbe für die Architektur in eindringlicher Weise veranschaulicht. Auf Vorschlag von Bruno Taut, Magdeburg, hatte haesler den Maler Karl Völker, Halle, mit der farbigen Gestaltung der Fassaden betraut. Diese Farbigkeit fand in den Fachkreisen allerhöchste Anerkennung.

Wie kann eine Bauhaus-Führung gebucht werden

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Alle Infos zu den Touren und vielfältigen Möglichkeiten, das Neue Bauen in Celle zu erleben, bietet der Infoflyer „otto haesler Touren“, den Sie hier in deutscheroder englischer Ausgabe herunterladen können.